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Die "Quichuas del Oriente" - Geschichte eines Volks und seiner Region

Lebensraum Amazonas-Provinzen:
Insgesamt leben im Oriente Ecuadors sieben indigene Völker: die Zaparos, die Huaorani, die Secoyas, die Sionas,
die Cofanes, die Shuar-Ashuar und die Quichuas del Oriente. Die beiden letzten Gruppen stellen die große Bevölkerungsmehrheit innerhalb der sieben noch existierenden ecuadorianischen Urwaldvölker dar.
Besonders die Quichuas del Oriente breiteten sich unter dem steigenden Druck der spanischen Eroberer und der christlichen Missionare in den letzten drei Jahrhunderten entlang den Ufern der größeren Flüsse Napo, Pastaza, Arajuno und Curaray ins Innere der Tieflandprovinzen aus. Die Bevölkerungszahl der Quichuas wird heute auf insgesamt 120.000 geschätzt. Die Mehrheit lebt in der Provinz Napo, hauptsächlich in den Kantonen Tena und Archidona, während sich der Rest auf die anderen beiden Amazonas-Provinzen Ecuadors, Pastaza und Francisco de Orellana, sowie auf die Nachbarländer Peru und Kolumbien verteilt.


Quichuafamilie

Man geht davon aus, dass in Napo ca. 70.000 Quichuas del Oriente leben, denen ungefähr 45.000 Colonos gegenüberstehen. In den Städten und größeren Dörfern wohnen hauptsächlich Colonos. Die Quichuas sind dort eher in der Minderheit. Das Verhältnis zwischen Colonos und Quichuas ist eher als kühl zu bezeichnen. Sie leben in der Regel strikt voneinander getrennt; gemischte Dorfgemeinschaften sind eine Ausnahme.
Im Kanton Tena, in dem sich auch das Projekt von CEA befindet, gibt es zur Zeit etwa 60 der kleinen Quichua-Dorfgemeinschaften (comunidades). Die größten davon bestehen aus 300 Familien (kleinste Familieneinheit durchschnittlich 6 Personen), also ca. 1.800 Menschen. In der Regel gibt es aber nur etwa 30 bis 40 Familien pro comunidad.

Das untenstehende Foto zeigt ein typisches Zentrum einer Quichua-Comunidad im heutigen Oriente. Die Schule, Versammlungsräume, aber auch die meisten Wohnhäuser sind um einen zentral gelegenen Fußballplatz gruppiert.

centro comunal Serena

Geschichte und Kultur der Quichuas:
Die Quichuas del Oriente, auch Napo Runas oder auch Yimbos genannt, sind eigentlich eine Zusammenfassung von vielen kleinen, voneinander unabhängigen Völkern, die ursprünglich vor allem den Oberlauf des Rio Napo besiedelten. Angesichts der Vielfältigkeit der Sprachen und Völker hatten die vordringenden Missionare des 17. Jahrhunderts die ehemalige Amtssprache der Inkas, das Quechua oder auch runa simi, in die Amazonasregion Ecuadors eingeführt um den Handel zwischen den indigenen Völkern des Amazonas und der wirtschaftlichen Elite des
Hochlandes zu vereinfachen. Ebenso diente die "Quichuaisierung" dazu, die besiegten und zur Zwangsarbeit genötigten Indianervölker auf den neuen riesigen Besitztümern der Spanier im Oriente besser kontrollieren zu können. Heutzutage ist das im Amazonas gesprochene Quechua grundverschieden zu der im Hochland gesprochenen Variante und es gibt auf kleinstem Raum unterschiedliche Dialekte. Viele Wörter, die von den Quichuas del Oriente benutzt werden, wurden aus ihren alten Sprachen abgeleitet. Trotz des Verlustes ihrer Sprachen konnten sie ihre kulturellen Eigenarten meist bis weit in das 20. Jahrhundert hinein bewaren. Das lag vor allem in der geografischen Abgeschiedenheit der Region. So konnte Tena zum Beispiel noch vor 30 Jahren nur mit dem Pferd erreicht werden. Die Strasse von Quito nach Tena wurde erst 1979 fertiggestellt.


Die traditionelle Gesellschaftsform der Quichuas del Oriente bestand aus einem llacta (quichua: Ursprungsort; heute comunidad), der sich wiederum aus zwei oder mehr ayllus (quichua: engerer Familienkreis beider Ehepartner) zusammensetzte. Früher wurden diese llactas von den Ältesten oder von einen yachac (quichua: Schamane) geführt. Der Landbesitz einer llacta war Gemeinschaftsbesitz aller Familiengruppen. Normalerweise existierte keine zentrale Machtfigur in dieser Gesellschaftsordnung, wichtige Entscheidungen wurden in Diskussionsrunden mit den einzelnen Familien getroffen. 

typisches Haus einer Quichua-Familie

Landwirtschaft wird bei den Quichuas in der Regel auf den sogenannten chacras betrieben, kleinen, ca. ½ ha großen Gärten, die im Regenwald angelegt werden. Übliche Anbauprodukte sind yuca (quichua, dt.: Maniok; span.: cassava), platano (dt.: Kochbanane), maiz (dt.: Mais), Obstbäume und unterschiedliche Heilpflanzen in gemischten Kulturen. Große Bäume des Waldes werden bei der Anlegung der Gärten meist stehen gelassen. Nach zwei- bis vierjähriger Nutzung werden diese Flächen wieder brach liegen gelassen, so dass sich ein sekundärer Regenwald erneut entwickeln kann.

Die chacras gehörten früher den einzelnen ayllus innerhalb einer Gemeinde und bildeten neben der Jagd und dem Sammeln von Nahrung im Regenwald die pflanzliche Ernährungsgrundlage. Sie wurden ausschließlich von den Frauen bewirtschaftet, während Haus- und Bootsbau, das Roden von Wald, sowie die Jagd von den Männern ausgeübt wurde. Meistens wurden diese größeren Arbeiten wie Hausbau und Waldrodung auch in Gemeinschaftsarbeiten, so genannten mingas durchgeführt, wobei den einzelnen Familien von allen Gemeindemitgliedern geholfen wurde. Die Ernteerzeugnisse, sowie hergestellte Produkte wie Tongefäße, Körbe, Netze und Jagdgeräte wurden gegenseitig getauscht.
Neben dem ayllu gehörte jeder Familie ein meistens etwas weiter flussabwärts gelegenes und genutztes Gebiet, welches ebenfalls ein paar Monate im Jahr bewirtschaftet wurde und vor allem zur Erweiterung der Jagdgebiete diente: Die purina. Neben der sozialen Integration der einzelnen ayllus innerhalb der Quichuas, förderten die purinas den Austausch von Gütern und Informationen und das Erlangen von mehr Erkenntnisse über Tiere und Pflanzen. Die Quichuas del Oriente besitzen aufgrund dieses traditionellen Austauschs auch heute noch ein enormes Wissen über Verbreitung und den Nutzen von Pflanzen und Tieren. Sie sind ausgezeichnete Jäger und kennen die Tiere und deren Verhalten sehr gut. Durch die schon angesprochene Mobilität kennen sie auch oftmals fast alle Regionen des Oriente und haben einen dementsprechenden großen Erfahrungshorizont, auch in Bezug auf die nicht in ihrer unmittelbaren Nähe vorkommende Fauna und Flora.

Die Aktuelle Situation der Region und ihrer Bewohner:
Auch wenn sich gewisse Strukturen, wie z. B. das Anlegen einer chacra bis in unsere Zeiten retten konnten und die Menschen teilweise noch in llacta-ähnlichen comunidades leben, so werden die alten Lebensweisen doch fast nur noch in geografisch sehr abgeschieden Räumen praktiziert. In der Provinz Napo selbst haben sich die Strukturen besonders seit den 60er Jahren des 20. Jhdt. grundlegend geändert. Die indigenen Dorfgemeinschaften, die llactas, wurden räumlich und gesellschaftlich neu strukturiert. Durch den Erdölboom und den damit verbundenen Straßenbau kam es in die traditionell von den Quichuas del Oriente bewohnten Gebieten zu einer Einwanderungswelle von Colonos. Die ecuadorianische Regierung entwickelte hierfür einen Flurplan aller Amazonasprovinzen um die aus der Sicht der Verwaltungsbeamten in Quito komplizierten Besitzverhältnisse zu klären. Staatlich geförderte Weidewirtschaft, sowie der Anbau von permanenten Monokulturen wie Kaffee und Kakao verdrängten die ursprünglichen Anbaumethoden weitgehend. In einst abgelegenen Gebieten kam es zu großflächigen Rodungen unberührten Regenwalds. Die Quichuas mussten plötzlich ihre llacta und purina mit Besitztiteln versehen und gegenüber den neuen Siedlern verteidigen. Ihre Mobilität wurde dadurch stark einschränkt.

Dorffest der Quichuas

Die mächtigen Großgrundbesitzer förderten die Besiedlung ihrer Gebiete durch "zivilisierte" Quichuas (meistens die Familien der Arbeiter der großen haciendas), um die noch von den "wilden“ Huaoranis gehaltenen Gebiete südlich des Rio Napo an ihre haciendas anzufügen. Noch vor 30 Jahren kam es dadurch zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Urwaldvölkern mit hohen Verlusten auf beiden Seiten. Nach den Landreformen in den 70er Jahren, welche die Allmacht der Großgrundbesitzer etwas einschränkten, bekamen deren Arbeiter gesetzlichen Anspruch auf den Teil des Landes, den sie mit ihrem Haus und ihren Gärten besetzten. Es entstanden rund um die haciendas kleinste Besitzparzellen einzelner unabhängiger Familien. Durch die ansteigende Bevölkerungszahl sowie durch die räumliche Versprengung wurden immer mehr kleine Dorfgemeinschaften gegründet.
Die ursprüngliche feste gesellschaftliche Integration innerhalb des Volkes ging mit dem Verlust an Mobilität verloren. Der kommunale Besitz (minimal 70 ha, in der Regel 200 ha) existierte nicht mehr, jeder einzelne besitzt heutzutage sein eigenes Stück Land. Die Mitglieder einer comunidad wählen nunmehr einen Vorstand, welcher die Interessen der comunidad nach außen vertritt. Die traditionellen mingas werden häufig nur noch bei Großprojekten der comunidad wie Gemeindesaalbau, Anlegen eines Fußballplatz, bei der Organisation von Dorffeiern oder der Bestellung eines Gemüsegartens für die Schulkinder praktiziert.

kleiner quichuajunge

Auch die traditionellen und nachhaltigen Anbaumethoden, die Pflege der chacras, die zur Selbstversorgung der Familien dienten werden zu Gunsten von dem vom Staat geförderten Anbau von Plantagenkulturen wie Kaffee und Kakao oft vernachlässigt. Durch das Bleiben der Quichuas an einem Ort, den Anstieg der Bevölkerungszahl und die Unterteilung der meist nur 30-40 ha großen Familienbesitze in nochmals kleinere Einheiten entstand ein enormer Druck auf die umliegenden natürlichen Ressourcen. An Brachzeiten für die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit ist oftmals nicht mehr zu denken.

Die Landbevölkerung, die in der Provinz Napo hauptsächlich aus Quichuas besteht, verarmt zusehends und besonders die jungen Leute ziehen mehr und mehr in die Städte um dort nach Arbeit zu suchen. In der Regel erfahren sie nur eine unzureichende Schul- und keine Berufsausbildung. Das Arbeitsangebot ist sehr gering. Man schätzt, dass es in Tena ungefähr 75% Arbeitslose gibt. Saisonale Lohnarbeit im Straßen- und Hausbau oder mit viel Glück ein 3-Monats-Vertrag bei der compania (dt.: Erdölfirma) sind oft die einzige Beschäftigungsmöglichkeit.

Häufig hilft nur der Verkauf der landwirtschaftlichen Produkte, wie Maniok, Kochbananen den monetären Bedarf der Familien zu decken. Wenn das Geld dann nicht ausreicht muss in der Regel Holz verkauft werden. Besonders während der Wirtschaftskrise der letzen Jahre mit ihrer hohen Preisinflation konnte ein Anstieg der illegalen Holzverkäufe beobachtet werden. Es ist zu beobachten, dass der indianische Teil der ecuadorianischen Bevölkerung vor allem durch die eingeführte Dollarisierung im Jahr 2000 weiter sozial an den Rand gedrängt worden ist. Spannungen waren vor allem in den letzten fünf Jahren immer wieder an der Tagesordnung. 

Bananenverkauf

Trotz vieler negativer Erscheinungen, welche die kulturelle Identität der Quichuas stark bedrohen, kann man glücklicherweise feststellen, dass sich viele Menschen hier der Moderne stellen wollen ohne dabei ihre eigenen Wurzeln zu vergessen. Durch das eingeführte zweisprachige Schulsystem (spanisch - quichua), sowie zweisprachige lokale Radiosender konnte sich die Sprache bis heute erhalten. Der Ökotourismus, der ebenfalls eine bedeutende wirtschaftliche Rolle in dieser Provinz übernommen hat, wirbt nach außen hin für die Kultur ihrer Ureinwohner, was diesen wiederum ein neues Selbstbewusstsein verschafft. Kaum ein junger Quichua hat heute noch etwas mit dem romantisch verklärten Bild des "edlen ökologisch handelnden Regenwaldindianer" zu tun. Werte und Ideale der westlichen, materialistisch geprägten Gesellschaftsform erhalten immer mehr Gewicht und kollidieren häufig mit den traditionellen Normen und den ökonomischen Voraussetzungen. 

Trotzdem haben die Quichuas del Oriente immer noch einen starken Bezug zu ihren kulturellen Ursprüngen, die fast alle im tropischen Regenwald zu finden sind. Daher werden sie auch in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Entwicklung nachhaltiger ökologisch-ökonomischer Nutzungskonzepte des Regenwaldes spielen.

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